Ist Learning Analytics wirklich neu?

DatenNach Horizon-Report 2011 wird Learning Analytics in den nächsten Jahren in der Bildung einen zunehmenden Stellenwert erhalten. In diesem Beitrag möchte ich meine Einschätzung und einige Aspekte aus meiner Erfahrung einbringen.

  • Muss man Learning Analytics beachten?
  • Was ist an Learning Analytics wirklich neu?
  • Ist dann Learning Analytics gar nicht böse?

Was ist Learning Analytics?

Eine Definition zu Learning Analytics ist nicht einfach zu finden. Das Präsidium der ersten LAK-Konferenz (Learning Analytics and Knowledge) in Banff (Kanada) im Jahr 2011 unter der Leitung von George Siemens hatte sich auf Folgendes geeinigt:

Learning analytics is the measurement, collection, analysis and reporting of data about learners and their contexts, for purposes of understanding and optimising learning and the environments in which it occurs

aus Blogeintrag von George Siemens in learninganalytics.net

Es geht also um das Sammeln, Messen und die Auswertung von Daten, die Lernende generieren, damit der Lernprozess optimiert werden kann. Nun sind Lehrende hoffentlich bestrebt, ihren Unterricht verbessern zu wollen – also nichts wie los!

Was ist an Learning Analytics wirklich neu?

Jede Lehrperson in meinem Umfeld hat für jede Prüfung, Semesternoten usw. bis jetzt schon eine kleine statistische Auswertung gemacht und wenn es nur um Klassendurchschnitte oder Vergleiche mit Vorjahren gegangen ist. Auch Entwicklungen einzelner Lernender wurde betrachtet und nötigenfalls besprochen. Wenn auch im Kleinen, waren dies bereits Learning Analytics, wenn ich annehme, dass es jeweils zur Optimierung des Unterrichts oder zur Förderung einzelner Lernenden geführt hat.

Durch die Einführung und Etablierung von Lernmanagement-Systemen (LMS) und anderen Plattformen, auf denen die Lernenden „Spuren“ hinterlassen, ist die Datenmenge verglichen mit der oben genannten Noten-Tabelle sehr stark gewachsen. Durch das Verknüpfen verschiedener Nutzerdaten sind der Analyse viele neue Möglichkeiten erwachsen. Es können z. B. folgende Daten über die Lernenden ausgelesen werden (nicht abschliessend):

  • Login-Daten (Häufigkeit, Verweildauer, Zeitpunkte)
  • Herkunft des Zugriffs (teilweise mit Geodaten über IP-Adressen)
  • welche Informationen wurden angeschaut inkl. Verweildauer
  • welche Aktivitäten wurden gemacht (Forumeinträge, hochladen von Daten)
  • Bewertungen der Aktivitäten (durch Lehrpersonen, Tutoren oder Peer)
  • automatischer Plagiats- und Quellentest mit Prozentwerten
  • Resultate von Prüfungen (detailliert bis zu einzelnen Fragen)

Mit der Analyse dieser Daten kann das Verhalten der Lernenden fast beliebig untersucht werden. Auch wenn alles unter dem Aspekt der Optimierung und individueller Förderung Lernender geschieht, ist aus meiner Sicht nicht alles gut, was möglich ist. Dazu später.

Muss man Learning Analytics beachten?

Ich würde es einmal vorsichtig formulieren:

Wenn ich Daten zur Verfügung habe, die mir helfen meine Lehrveranstaltungen zu optimieren und meine Lernenden dadurch zielgerichteter gefördert werden können, dabei die Persönlichkeitsrechte nicht verletzt werden, muss ich diese Chancen doch wahrnehmen.

Meine eigenen, natürlich ziemlich schmalspurigen, Erfahrungen mit Learning Analytics möchte ich gerne anhand einiger Beispiele skizzieren. Ich setze das LMS Moodle ein und verwende daraus einige Funktionen, die ich im Folgenden nach Zweck gruppiere:

Feedback für mich als Lehrperson

  • Wurden die hochgeladenen Ressourcen überhaupt beachtet. Insbesondere auch, wenn zusätzliche Übungen oder Erklärungen gewünscht wurden (z. B. ein Webcast)
  • Wie sind die Resultate im Vergleich zu anderen gleichen Kursen
  • Wann ist im Kurs die Aktivität am grössten, wann flacht sie ab (wo muss ich mehr auf gewisse Dinge hinweisen)
  • Welche Fragen in den Tests wurden wie gelöst. Ein LMS kann gute statistische Werte ausgeben, so z. B., wie gut eine Frage selektiert oder ob sie von den besseren Lernenden auch besser gelöst wurde. Einige Fragen habe ich dadurch schon überarbeitet oder gelöscht.

Aussage über die Lernenden und deren Resultate

  • Welche Klasse hat im Test wie abgeschnitten, wie sind die Resultate verteilt.
  • Wie gross ist der Zusammenhang zwischen Beteiligung an den verschiedenen Aufgaben/Aktivitäten bzw. der Anwesenheit und dem Prüfungsresultat (in der Regel sehr gross 🙂 )

Was die Lernenden selbst herauslesen können

  • Überblick über erledigte Aufgaben und Resultate, Rückmeldung des Systems z. B. bei Lektionen mit Ablaufsteuerung
  • soziale Bezugsnorm (eigenes Resultat im Zusammenhang mit der Klasse)
  • individuelle Bezugsnorm (eigenes Resultat im Vergleich zu vorherigen Übungen oder Versuchen)

Diese relativ einfachen Auswertungen, die natürlich nur ein sehr kleiner Teil von Learning Analytics zeigen, sind meines Erachtens sehr hilfreich. Am wichtigsten ist für mich, die Reflexion des eigenen Tuns, also die erste Kategorie.

Test-Resultate
Beispiel Testresultat von 3 Klassen

Log einer AktivitätLog einer Aktivität

Ist dann Learning Analytics gar nicht böse?

Das Thema Datenschutz und die damit verbundenen Persönlichkeitsrechte muss im Zusammenhang mit Learning Analytics unbedingt diskutiert werden, und zwar in jeder Institution. Die fiktiven Rückmeldungen an Lernende wie,

  • Sie sollten früher beginnen die Aufgaben zu lösen und eher die Tageszeit nutzen, anstatt mitten in der Nacht Fragen ins Forum zu posten.
  • Ihr Prüfungsresultat verwundert mich nicht wirklich, greifen Sie doch meist aus dem Stadtpark-Kaffee auf die Unterrichtsmaterialien zu. Da könnte ich mich auch nicht konzentrieren.

wünschen wir uns hoffentlich alle nicht. Ich möchte hier auch nicht Richtlinien festlegen, was generell gültig sein soll, aber noch auf zwei wichtige Punkte hinweisen.

Transparenz

In der Schweiz haben wir ein Datenschutzgesetz, das ein Auskunftsrecht beinhaltet. Die Lernenden können Einblick in alle über sie erfassten Daten verlangen. Ich würde die proaktive Variante vorschlagen und transparent kommunizieren, welche Daten erfasst werden und wie damit umgegangen wird. Daran hat man sich dann aber auch zu halten!

Akzeptanz der Plattformen

Die Akzeptanz der Plattformen, die wir für die Lehre möglichst gewinnbringend einsetzen möchten, hat auch mit dem Aspekt von Learning Analytics zu tun. Haben die Lernenden das Gefühl, das Sammeln der Daten sei ok, weil sie den Rahmen und das Ausmass kennen (und akzeptieren), wird die Plattform nicht unnötig boykottiert oder mit „Scheinaktivitäten“ manipuliert. Haben die Lernenden Angst vor der „Krake“ der Plattform, verspielen wir mehr als Learning Analytics gewinnbringend sein kann.

Fazit

Es wäre schade, würde man die Daten aus den verschiedenen Plattformen nicht nutzen, um den Unterricht zu verbessern oder die Lernenden gezielt zu fördern. Allerdings sind die Persönlichkeitsrechte unbedingt zu respektieren. Nicht alles, was möglich ist, ist auch gut.

7 Gedanken zu „Ist Learning Analytics wirklich neu?

  1. Pingback: Learning Analytics in der beruflichen Weiterbildung « distancelearning garden

  2. Pingback: Zwischenbilanz zur Kurseinheit „Learning Analytics” | OpenCourse 2012

  3. Hallo Stephan,
    da ich unterrichtsbedingt verhindert war mich intensiver mit Learning Analytics zu beschäftigen, bin ich nun sehr froh über deinen Blog, wird doch hier sehr gut und prägnant zusammengefasst was man unter Learning Analytics versteht. Ich bin vollkommen deiner Meinung, dass Daten, die man von seinen Lernenden hat dazu verwendet werden sollten diese gezielter zu fördern, wenn dabei die Persönlichkeitsrechte gewahrt bleiben. Aber genau hier habe ich meine Schwierigkeiten. Als Beispiel: Letzte Woche mussten an unserer Schule die in A obligatorisch eingeführten Bildungsstandards durchgeführt werden. Dabei müssen die SchülerInnen einen Test via Internet machen. Dazu erhalten sie Zugangscodes. Der betreffende Lehrende hat dann wie die SchülerInnen selbst auch, Zugang zu den Auswertungen. Was aber Schuldirektion, Schulaufsicht und Unterrichtsministerium mit diesen Daten machen ist m. E. nicht transparent. Werden diese Daten dann wirklich nur dazu verwendet den Unterricht zu optimieren?

    • Danke für deinen Kommentar! Natürlich ist Learning Analytics noch ein sehr grosses Feld. Z. B. könnte im Verlauf des Bearbeitens von Aufgaben dem Lernenden bereits Hinweise gegeben werden oder Zusatzaufgaben, je nach dem was das System aus den Daten über den Lernenden „gelernt“ hat.
      Du sprichst einen wichtigen Punkt an, den ich eben am Schluss nur erwähnte: „Wer darf mit den Daten was machen?“ Wird aus den Daten auch die (lohnwirksame) Lehrpersonenbeurteilung gemacht? Wird ein Qualitätsmanagement mit Kennzahlen gefüttert. Da graut es mir davor! Also wachsam sein 🙂

  4. Hallo Stephan,

    dein Blog ist toll gelungen – ich habe mich mit den Learning Analytics noch nie beschäftigt und habe eine tolle Zusammenfassung erhalten. Wie und ob ich in meinem Bereich Learning Analytics einsetzen sollte ist mir noch nicht klar, aber ich habe durch deine Blog einige Ideen erhalten, an denen ich anknüpfen kann.
    Danke und liebe Grüße aus Wien
    Claudia

    • Hallo Claudia
      Danke für dein Feedback. Ich habe mich auch im Rahmen von OPCO12 das erste Mal mit dem Begriff beschäftigt und dann festgestellt, das ich ja Teile daraus schon kenne – einfach nicht unter dem Namen Learning Analytics.
      Grüsse aus der Schweiz
      Stephan

  5. Pingback: Learning analytics – Final interim results ;-) « Sylvia's Blog

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