Wenn überhaupt, welche Lernplattform brauchen wir?

Bild Lernen

Aktuell mehren sich verfügbare Werkzeuge für digitale Lernszenarien und Möglichkeiten in Ausbildungs-institutionen mit grosser Geschwindigkeit. Gleichzeitig erhöht sich der Druck auf die Schulen und Schulleitungen, den Schritt in die digitale Welt zu forcieren, oder frischen Wind in die Sache zu bringen. Mitten in diese komplexe Situation mit vielleicht auch ratlosen Verantwortlichen, melden sich einzelne aktive Lehrpersonen, die mit Nachdruck ein gefundenes Tool in der Institution etablieren wollen. Ich vermute, dass einige der neu gestarteten Initiativen Schiffbruch erleiden werden. Ich habe in diesem Beitrag einige Gedanken und Argumente notiert, die für eine Diskussion hilfreich sein könnten. Es geht um die Bereiche:

  1. Make or Buy
  2. Lohnender Einsatz, Kontinuität und Weiterentwicklung einer Lernplattform
  3. Funktionalität versus Komplexität
  4. Offenheit und Standards als wichtige Eigenschaft für die Vernetzung
  5. Datenschutz, Hoheit über die Inhalte und Verfügbarkeit
  6. Kosten und versteckte Kosten

Lernplattform oder doch eher e-Portfolio? (als kleiner Prolog-Exkurs)

Bei dieser Frage geht es um zwei Sichtweisen und deshalb glaube ich: nicht entweder oder, sondern beides hat seine Daseinsberechtigung! Es gibt die institutionelle, eher lehrpersonenzentrierte Seite und die Seite der Lernenden, um das persönliche Lernen zu dokumentieren.

institutionelle Sicht

Es macht durchaus Sinn, wenn eine Institution eine Plattform hat, die Fächer, Kurse und Unterrichtszimmer in den virtuellen Raum erweitert. Es ist einfacher, wenn für alle klar ist, wo Inhalte, Aufgaben, Selbstlernsequenzen usw. zu finden sind. Grundsätzlich kann dies ein Wiki, eine Lernplattform (LMS = englisch: Learning Management System) oder eine andere geeignete Plattform sein. Im weiteren Text gehe ich von einem LMS aus.

Dokumentation des eigenen Lernens

Lernende werden ihren Wissenszuwachs und ihre Lerninhalte zunehmend selbstständig dokumentieren. Sinnvollerweise dürfen sie dazu ein Werkzeug wählen, das zu ihnen passt und auf welches sie auch nach der Ausbildung weiterhin Zugriff haben. Für bewertungsrelevante Aufgaben kann der Link des e-Portfolios, ein Dokument, ein Video oder ähnliches im LMS der Institution abgegeben werden. Es kommt bei mir im Unterricht hin und wieder vor, dass ein Lernender einen Link auf eine freigegebene Zusammenfassung abgibt. E-Portfolio-Lösungen der Institution haben einige Vorteile, aber den grossen Nachteil, dass sich die persönlichen Inhalte von Lernenden mit dem Ende der Ausbildungszeit normalerweise in Luft auflösen.

Welche Lernplattform darf es denn sein?

Es gibt nicht die Lernplattform, aber einige Punkte, die bei der Wahl beachtet werden sollten.

1. Make or buy

Ebenen eines LMSJede Lernplattform hat mehrere Ebenen (auch diejenigen, die von Microsoft oder Google angeboten werden). Welche Ebenen die Institution selber betreibt und betreut, hängt, im Wesentlichen von den vorhandenen Kompetenzen und Ressourcen, und natürlich von der gewählten Lernplattform selbst, ab.

technische Ebenen

Viele Bildungsinstitutionen werden die Ebenen I-III einkaufen, in dem sie eine Lernplattform als Service bei einem Hoster oder bei einem Anbieter aus dem Bildungsumfeld beziehen.

Institutionsinterne Aufgaben

Die Ebene IV mit User-, Kurs- und Klassenadministration wird unabhängig der gewählten Lernplattform, zumindest teilweise, bei der Institution verbleiben. Die Komplexität und der Aufwand hängen unter anderem davon ab, wie automatisiert die Daten generiert werden können und ob das LMS für Benutzerdaten an standardisierte Schnittstellen (z. B. Datenbank, LDAP, AD, Shibboleth) angeschlossen werden kann. Die Pflege und Strukturierung von Kursen, Kategorien und Inhalten zählen ebenfalls zu dieser Ebene.

Die Ebene V mit didaktischem Support, den Bildungsmassnahmen für Lehrpersonen, dem Zeigen von Beispielen für die konkrete Unterrichtssituation usw. verbleibt ebenfalls in der Bildungsinstitution und entscheidet oft darüber, wie breit die Plattform benutzt wird und wie sich die Nutzung entwickelt.

2. Lohnender Einsatz, Kontinuität und Weiterentwicklung einer Lernplattform

Als strategisches Instrument einer Institution sollte die Lernplattform ein Werkzeug sein, in das es sich zu investieren lohnt. An unserer Schule werden Kurse (weiter-)entwickelt, die für die Lernenden abwechslungsreich und durchdacht sind. Kurse werden an andere Lehrpersonen weitergegeben oder sogar schulübergreifend ausgetauscht (bei gleichem LMS oder standardisierten Lernpaketen). Der zusätzliche Aufwand im virtuellen Raum lohnt sich für die Lehrpersonen nur dann, wenn sie die Gewähr haben, entwickelte Lernsequenzen und -inhalte wiederverwenden und die angeeigneten Kompetenzen auch zukünftig anwenden zu können. Im Laufe der Zeit entwickelt sich die Lernplattform zu einer Ressourcenplattform und kann für die Institution wertvolles Kapital bedeuten.

Ein LMS ist idealerweise kein statisches Softwareprodukt und wird im Laufe der Zeit weiterentwickelt, dem Stand der Technik angepasst und allenfalls mit neuen Funktionen ausgestattet. Die Entwicklung eines Produktes lässt sich an der Roadmap (Informationen zu Updates, Änderungen, Planung der zukünftigen Entwicklung) ablesen, die Auskunft gibt, ob ein Produkt „lebt“ und sich in eine für die Institution richtige Richtung bewegt. Berichte zur Verbreitung oder über die Nutzung von Lernplattformen können ebenfalls gute Argumente für oder gegen ein Produkt liefern (z. B. European LMS Market Dynamics von Mindwires Okt. 2016). Die Qualität und Geschwindigkeit der Weiterentwicklung lässt sich meist auch gut an den Voten in den Nutzerforen ablesen.

Interessant ist auch der Aspekt, wer Weiterentwicklungen eines Produktes steuert und wie transparent dies kommuniziert wird. Die Bandbreite geht von „ab heute ist dies und jenes anders“, über grosse Firmen, die Inhalte liefern/mitverkaufen bis hin zu Benutzer-Communities mit Urabstimmungen über die nächsten Schritte oder Prioritäten. Für eine Institution kann es auch wichtig sein, den Updatezeitpunkt von grösseren Änderungen mitzubestimmen und diesen z. B. auf einen Semesterwechsel zu legen. Regelmässige Updates werden allgemein positiv, als Pflege der Plattform wahrgenommen. Werden wesentliche Änderungen bereits im Voraus kommuniziert, kommen die meisten Anwenderinnen und Anwender gut damit zurecht.

Möchte eine Institution die Lernplattform wechseln, bedeutet dies ein tiefer Einschnitt für alle, die Arbeit und Zeit investiert haben. Deshalb müssen für einen solchen Schritt sehr gute Gründe vorliegen und das Vorgehen sorgfältig geplant werden. Der Betrieb von mehreren parallelen Lernplattformen macht aus ökonomischen und strategischen Gründen selten Sinn.

3. Funktionalität versus Komplexität

Ein wunder Punkt vieler LMS ist der Komplexitätsgrad der Bedienung, insbesondere für die Lehrpersonen. Es ist eine Tatsache, dass eine grosse Funktionsvielfalt, in aller Regel komplexere Einstellmöglichkeiten zur Folge hat. So kann beispielsweise bei der Abgabe von Dokumenten eine Eigenständigkeitserklärung verlangt, eine automatische Information nach erfolgter Bewertung versandt oder eine zeitlich limitierte Abgabe eingestellt werden. Für jede dieser Funktionen muss die Lehrperson entsprechende Einstellungen vornehmen können. Mit folgenden Massnahmen kann die Komplexität verringert werden, sofern im LMS solche Massnahmen möglich sind:

  • Abschalten von nicht benötigten Funktionen: Allerdings ist die Entscheidung, was weggelassen werden soll, nicht einfach zu fällen.
  • Standardeinstellungen sinnvoll wählen: Werden Standardeinstellungen so gewählt, dass diese für 80% der Einsatzszenarien passend sind, braucht sich die Lehrperson nicht um alle Details zu kümmern.
  • Schulung der Funktionen: konkrete Schulungen oder andere Hilfestellungen zu gewissen Funktionen können helfen, Hemmschwellen abzubauen und Verständnis zu schaffen.

4. Offenheit und Standards als wichtige Eigenschaft für die Vernetzung

Die virtuellen Lernräume in einem LMS können nebst lokalen Funktionen auch Verbindungen zu Webinhalten, externen Lernressourcen oder anderen Lernsystemen herstellen. Auch der Austausch (oder Einkauf) von Lernsequenzen oder Quizfragen mit anderen Quellen sind interessante Möglichkeiten. Diese können aber nur dann genutzt werden, wenn das LMS offen konzipiert ist und anerkannte Standards unterstützt. Einige Beispiele dazu:

  • Einbindung von Medien aller Art: Filme [von Plattformen einbetten], PDF, Office-Dateien usw. mit entsprechenden Filtern für die Darbietung im Browser.
  • SCORM oder xAPI als Standards für Lernpakete, inkl. Rückmeldung von Resultaten in das Bewertungssystem des LMS. Lernpakete können mit geeigneter Software erstellt oder von Anbietern eingekauft werden.
  • LTI zum Einbinden von Ressourcen auf externen Servern, inkl. Datenaustausch.
  • IMS-Content Packaging für den Austausch von Inhalten auch von anderen LMS-Produkten.
  • RSS-Feeds für die Integration und Publikation von Blog- oder Forenbeiträge.
  • Anerkannte Formate, um Quizfragen einzulesen (z. B. GIFT).
  • Vergabe von Auszeichnungen und Badges mit Anbindung beispielsweise an Open Badges zur Mitnahme derselben.
  • gängige oder weitgehend konfigurierbare Schnittstellen zu Datenbank- und Verzeichnisdiensten für die Anbindung an externe Verwaltungs- oder Authentifizierungssysteme.

5. Datenschutz, Hoheit über die Inhalte und Verfügbarkeit

Bei Plattformen, die über das Internet erreichbar sind stellen sich mehrere Fragen zur IT-Sicherheit, Hoheit über die Daten und Datenschutz. Es geht dabei um folgende Datenarten, die möglicherweise bearbeitet werden:

  • Angaben zu Lehrpersonen und Lernenden wie Namen, E-Mail- und andere Adressangaben.
  • besonders schützenswerte personenbezogene Angaben wie Leistungs- und Verhaltensbewertungen, aber auch persönliche Weltanschauung, Religion, Gesundheitsdaten usw. soweit diese in einem LMS abgelegt werden (z. B. in Diskussionsforen). Alle diese Daten werden in der Schweiz im Datenschutzgesetz als besonders schützenswert aufgeführt (DSG Art 3).
  • Auf der Plattform zur Verfügung gestellte Inhalte: selbsterstellte, eingekaufte bzw. lizenzierte und andere.
  • Kursstrukturen und -abläufe, abgebildete didaktische Designs, Metadaten zu Kursen, Kompetenzrahmen, Bewertungsskalen und Zieldefinitionen.
  • Von Lernenden erstellte Daten, wie hochgeladene Aufgaben, gelöste Quiz, Mitteilungen, Foren- und andere Beiträge.
  • Daten zur Plattformnutzung, Resultate, Analysedaten und erstellte Statistiken (Stichwort: Learning Analytics).

Im Umgang mit diesen Daten sollten einige Aspekte beachtet werden:

Übertragung

Eine unverschlüsselte Übertragung von Nutzenden bzw. deren benutzten Geräten und dem Server kann prinzipiell abgehört werden, wenn diese nicht verschlüsselt ist. Eine verschlüsselte Verbindung (https) sollte aber heute standardmässig oder zumindest optional verfügbar sein.

Serverstandort und Rechtsstand

Die meisten europäischen Datenschutzgesetze erlauben eine Bearbeitung von personenbezogenen Daten im Ausland nur unter Bedingungen. So müssen z. B. die Gesetze am Standort des Servers mindestens den eigenen entsprechen und es muss möglich sein, Rechte bzw. Verstösse dagegen einklagen zu können. Neben den dazu vertraglich festgehaltenen Abmachungen, müsste auch der Dienstleister in seinen AGBs Aussagen zu seinem Umgang mit Daten machen, die einen angemessenen Schutz erkennen lassen.

Besitz der Daten

Als plattformnutzende Institution nimmt man häufig an, dass alle Daten im LMS vollumfänglich Eigentum der Institution oder deren Nutzenden sind. Das ist aber nicht immer so und gilt schon gar nicht für alle Datenarten. Von anderen Cloud-Diensten wissen wir, dass Daten sehr wertvoll sind. Einerseits sind Benutzerlisten sehr interessant, weil da komplette, verifizierte und klar spezifizierte Angaben von Personen vorhanden sind, andererseits können Resultate und Nutzungsdaten für statistische Auswertungen verkauft oder für genauere Benutzerprofile verwendet werden. Es lohnt sich, diesen Aspekt genau zu betrachten, mögliche Konsequenzen auszumalen und die Frage nach den Nutzungsrechten an den Daten zu klären.

Eine weitere Frage im Zusammenhang mit der Datenhoheit stellt sich, wenn es um die Löschung oder den Rückzug von Daten geht. Ist es möglich Daten komplett löschen zu können oder zu lassen? Dabei ist es egal, ob es um eine Benutzerin, einen ungebührlichen Foreneintrag oder eine andere Ressource geht. Die Schule sollte etwas nachhaltig löschen können und es soll nicht einfach unsichtbar werden.

Interessant sind auch folgende Fragen: Können Daten z. B. Kurse aus dem LMS exportiert und später oder an einer anderen Institution wiederverwendet werden? Können bei einem allfälligen Anbieterwechsel die Daten migriert bzw. mitgenommen werden?

Sicherheit der Daten und Verfügbarkeit

Seriöse Dienstleister haben fachgerechte Datensicherungsverfahren implementiert, halten mehrere Generationen Sicherungen vorrätig und betreiben den Dienst in einem ausgewiesenen Rechenzentrum. Trotzdem macht es Sinn, diesen Punkt anzusprechen und verschiedene Szenarien schriftlich festzuhalten, wie beispielsweise die Wiederherstellung eines versehentlich gelöschten Kurses oder wie eine Notfallwiederherstellung bei Totalausfall aussehen würde. Die Verfügbarkeit ist in der Regel zwar hoch, aber eine Abmachung über tolerierte Ausfallzeiten und definierte Wartungsfenster verhindert falsche Erwartungen und unnötige Konflikte.

6. Kosten und versteckte Kosten

Das Zurverfügungstellen einer Lernplattform kostet eine Institution Geld und zwar, wie oben dargestellt, auf verschiedenen Ebenen. Nebst den Kosten für einen externen Dienstleister, muss unbedingt auch der schulinternen Betreuung genügend Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Für Lernplattformen als Service gibt es verschiedene Abrechnungsmodelle, die alle oder einige der folgenden Kostenpunkte miteinbeziehen:

  • Kosten für Grundbetrieb (Sockelbetrag)
  • Kosten pro Anzahl Nutzende (totale Anzahl Nutzende, gleichzeitig Nutzende oder Pauschalen)
  • Kosten für benötigte Datenmenge und/oder Transfervolumen
  • Kosten für Wartung und Support (inkl. Update)

Keine Firma bietet kostenlos bzw. ohne eigenen Nutzen eine Lernplattform an. Es gibt Firmen, die den LMS-Betrieb mit anderen Angeboten oder Inhalten quersubventionieren oder sich die Verwendung der Nutzer-/Nutzungsdaten ausbedingen.

Da ein LMS-Einsatz eine längerfristige strategische Angelegenheit ist, bindet sich eine Institution auch längerfristig an ein Angebot. Änderungen der Nutzungsbedingungen oder Veränderungen beim Dienstleister (Konkurs, Verkauf) können massive Auswirkungen haben, die einen geregelten Weiterbetrieb für die Institution verunmöglichen. Hier sind Open Source-Plattformen klar im Vorteil, da für diese in der Regel mehrere Dienstleister zur Verfügung stehen. Ein Umzug zu einem Anbieter mit besseren Konditionen ist möglich, wenn auch nicht ohne grossen Aufwand.

Fazit

Eine Bindung zu einer Lernplattform und einem Lernplattform-Anbieter sollte auf eine langfristige Beziehung ausgelegt werden. Wird Zeit und Herzblut in Inhalte und Kurse investiert, sollen sich diese Investitionen für die Lehrpersonen lohnen, indem sie von der Wiederverwendung und der Weiterentwicklung profitieren können. Deshalb ist wichtig:

  • Der Entscheid für ein Produkt und einen Dienstleister soll wohlüberlegt und über viele Faktoren abgewogen werden.
  • Aufgrund der Tragweite des Entscheides, soll die Leitung einer Institution in den Entscheidungsprozess eingebunden werden und diesen auch tragen. Die Umsetzung und das Etablieren der Lernplattform ist dann sinnvollerweise eine Schulentwicklungsaufgabe.

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